Christof Kimmich

conception

»Ich arbeite nicht nach der Natur, sondern wie die Natur.«
Pablo Picasso

Weshalb hast Du die abstrakte Malerei gewählt?

Der Ursprung der abstrakten Malerei liegt für mich als „gelernter Architekt“ in der Befreiung von Regelwerken und Gesetzen der Architektur. Das für mich Wesentliche, der Geist eines Gebäudes, wird auf geometrische Elemente, Oberflächenstrukturen und Farbkompositionen reduziert und vermittelt ein Gefühl, eine emotionale Fiktion. Diese Befreiung ist in der architektonischen Realität kaum bzw. nur mit erheblichen Einbußen und Mühen, auf der Leinwand jedoch mit spielerischer Leichtigkeit möglich.

Ist ausschließlich Architektur Grundlage und Inspiration Deiner Arbeit?

Auf der Suche nach dem ‚Wesentlichen‘ wurde schnell klar, dass architektonische Elemente immer auf natürliche Strukturen zurückgreifen. Für mich ist die Natur sozusagen der Grundstock und bildet die Basis für jegliche Entwicklung. Ich als Künstler besitze lediglich die Freiheit durch Kombinationsmöglichkeiten scheinbar neue Bilder, neue Kontexte zu erzeugen. Die eigentliche Inspirationsquelle sehe ich jedoch in der Neugier, als Teil der menschlichen Natur, umgesetzt in einer experimentellen Arbeitsweise die das Unbestimmte, den Zufall, herausfordert und zum eigentlichen Impuls erklärt. Sie ist nicht berechenbar - kann alles geben oder nehmen, aber sie ist immer da.

Was willst Du mit Deiner Arbeit vermitteln?

Für mich ist ‚meine Arbeit‘ nicht das Bild, das an der Wand hängt, sondern wie das Bild entstanden ist. Der Entstehungsprozess ist für den Betrachter jedoch kaum nachvollziehbar und selbst für mich am Ende schwer oder gar nicht mehr zu rekonstruieren. Was bleibt, sind jedoch Strukturen, welche individuell ganz unterschiedliche Erinnerungen oder Assoziationen wecken und Anregung zum Denken und Erforschen bieten.

Die eigentliche Frage müsste also lauten, wie entsteht ein Bild?

Ja.

Und wie entsteht ein Bild?

Aus einer Art Skizzensammlung oder aus meiner Erinnerung werden Kompositionen ausgewählt, die mich spontan ansprechen. Die Auswahl folgt keiner erkennbaren Logik und ist für mich lediglich der Auslöser für den Gang zur Leinwand. Die vage Vorstellung wird als erste Komposition auf die Leinwand gebracht: Die alte Scheune auf der Wiese wird zum braunen Rechteck auf grünem Hintergrund. Diese Reduktion wird zur Basis der Komposition. Die ersten Schichten geben jedoch die Empfindungen des inspirativen Gedankens nur unvollständig wieder. Es fehlt der Geruch von Heu, das Läuten der Glocken. Weitere Elemente müssen gesucht und formuliert werden. Nach und nach wird die Leinwand mit deckenden und lasierenden Farbschichten überzogen. Entsprechend den vagen Vorstellungen werden die Farbflächen mit groben Werkzeugen wie Spachtel, Lappen und Schwämmen aufgetragen. Die daraus resultierenden unkontrollierten, scheinbar zufällig entstandenen Strukturen werden zum Impuls auf der Suche nach dem „Nicht-Erfassten“, nach den fehlenden Details. Der ursprüngliche Gedanke verschwimmt zusehends, wird reflektiert, aufgegeben und wieder gesucht, Farbflächen werden aufgelöst, ausgebessert, erweitert und verändert. Die neuen Impulse und technische und kompositorische Experimente führen ganz selbstverständlich zu neuen Bildern, die Komposition verselbständigt und vervielfältigt sich. Das Bild, der Zufall, das unbekannte Wesen bestimmt teilweise oder vollständig den weiteren Verlauf der Entwicklung. Der „malerische Wille“ bleibt lediglich spürbar.

Wann ist ein Bild fertig?

Der malerische Prozess findet selten ein klares Ende. Dieses ist eher ein ‚Ausklang‘, ein Moment der Ruhe indem die Nähe zum Ursprünglichen spürbar wird, indem sich Ansprüche und Vorstellungen von Bild und mir in ausgewogenem Verhältnis auf der Leinwand wiederfinden. Kein klar formulierter Zeitpunkt sondern eher das Eingeständnis, dass eine weitere Annäherung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich ist und der Erkenntnis, dass bisher Fehlendes die nächste Leinwand zu Tage bringen wird.

Interview Mai 2014


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